{"id":598,"date":"2017-01-28T11:44:21","date_gmt":"2017-01-28T09:44:21","guid":{"rendered":"http:\/\/ateliersimdelta.de\/z42\/?p=598"},"modified":"2020-04-26T10:26:25","modified_gmt":"2020-04-26T08:26:25","slug":"alexander-michailowitsch-rodtschenko","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ateliersimdelta.de\/z42\/alexander-michailowitsch-rodtschenko\/","title":{"rendered":"Alexander Michailowitsch Rodtschenko"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-left is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eIch habe die Malerei zu ihrem logischen Ende gebracht und habe drei Bilder ausgestellt: ein rotes, ein blaues und ein gelbes, und dies mit der Feststellung: Alles ist zu Ende. Es sind die Grundfarben. Jede Fl\u00e4che ist eine Fl\u00e4che und es soll keine Darstellung geben. Jede Fl\u00e4che hat bis an ihre Grenzen eine einzige Farbe.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-right is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><strong>Alexander Rodtschenko<\/strong><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Alexander Rodtschenkos ist einer unserer Helden in der Fotografie. Sein Werk ist in den letzten 20 Jahren weltweit gew\u00fcrdigt worden. Bevor er die Fotografie f\u00fcr sich entdeckte, hatte er sich bereits als einer der f\u00fchrenden&nbsp;K\u00fcnstler des russischen Konstruktivismus etabliert. Seine Fotografie verstand sich als radikaler Bruch mit den Traditionen in der Kunst. Der Blick der K\u00fcnstler sollte revolutioniert werden. Das <em>Neue Sehen<\/em> sollte die Gesellschaft und die Menschen ver\u00e4ndern \u2013 ganz im Sinne revolution\u00e4ren Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n\n\n\n<p>Alexander Rodtschenko war ein junger K\u00fcnstler der 1917 im existenzialistischen Sinne&nbsp;in die Oktoberrevolution geworfen wurde und sich nach der Revolution f\u00fcr den Aufbau neuer Strukturen der k\u00fcnstlerischen Produktion in der jungen Sowjetunion engagierte und dann am Stalinismus zerbrach.<\/p>\n\n\n\n<p>Alexander Rodtschenko war eine der Leitfiguren des <em>Neuen Sehens<\/em>, auch wenn er vielleicht nicht der Erste war, der das <em>N<\/em><em>eue Sehen<\/em> erprobte. Es war seine Einstellung zur Kunst und Fotografie, die sein Werk besonders machen: \u201eDie interessantesten Blickwinkel sind zur Zeit von oben nach unten und von unten nach oben, und an ihnen muss man arbeiten. Ich will sie best\u00e4tigen, erweitern, zu ihnen erziehen. Wie f\u00fcr jeden gebildeten Menschen ist es f\u00fcr mich uninteressant, wer A gesagt hat, wichtig ist es, dieses A auszuweiten, und bis zum Ende durchzuarbeiten, um die M\u00f6glichkeit zu bekommen, B zu sagen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Rodtschenko war bereits ein erfolgreicher Maler gewesen, bevor er sich dem Fotografieren zuwandte. Er war aber auch Gestalter, Grafiker und Designer und entwickelte als erster sowjetischer K\u00fcnstler Fotomontagen und Collagen. Ber\u00fchmt ist seine k\u00fchne Buchgestaltung f\u00fcr Majakowskis episches Liebesgedicht <em>Pro Eto<\/em>, die ihn auch zu einem Pionier der modernen Typografie machte. Er engagierte sich auch gleich nach der russischen Revolution f\u00fcr die neue revolution\u00e4re Regierung. Schon ab 1918 arbeitete er f\u00fcr das Moskauer B\u00fcro der Abteilung Bildende K\u00fcnste im Volkskommissariat f\u00fcr Aufkl\u00e4rung (IZO Narkompros). Sp\u00e4ter wurde er zum Leiter des Museums-B\u00fcros der IZO Narkompros in Moskau und so auch zum Leiter des Museum f\u00fcr Malerei ernannt. Rodtschenko wollte an eine Revolution glauben, die dem neuen Sowjetmenschen ein Versprechen von Freiheit und einer neuen, besseren Welt gab. Und er wollte einer ihrer <em>K\u00fcnstleringenieure<\/em> sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Rodtschenko geh\u00f6rte dem russischen Konstruktivismus und somit auch der russischen Avantgarde an. Viele K\u00fcnstler der russischen Avantgarde unterschrieben 1921 ein Manifest, das ihre Bereitschaft an die Kunstwelt adressierte, die Malerei aufzugeben und sich der Produktionskunst zu widmen. Im Manifest findet man folgende Aussagen, welche die Stimmung in der russischen Avantgarde beschreiben:<a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eNieder mit der Kunst, die nur ein Mittel ist,<br>aus einem Leben zu fl\u00fcchten, das nicht lebenswert ist.\u201c<\/p><p>\u201eEs ist an der Zeit, dass die Kunst organisiert ins Leben einflie\u00dft.\u201c<\/p><p>\u201eEin bewusstes und organisiertes Leben,<br>die F\u00e4higkeit zu sehen und zu konstruieren,<br>das ist moderne Kunst.\u201c<\/p><p>\u201eDas konstruktive Leben ist die Kunst der Zukunft.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Alexander Rodtschenko wollte dazu beitragen, die Kunst in den Mittelpunkt des Alltags zu r\u00fccken. Ab dem Jahr 1924 konzentriert er sich in seinem Schaffen deshalb immer mehr auf die Fotografie. Die Fotografie gab ihm die M\u00f6glichkeit, in den Alltag der Menschen einzudringen und f\u00fchrt Kunst und Technik in einer Art zusammen, die Rodtschenkos Ansichten best\u00e4tigen und die er parallel zum Bauhaus entwickelt. Er fotografiert nicht nur, sondern schreibt Essays \u00fcber das <em>Neue Sehen<\/em> und die Fotografie, und zeichnet seine Erkenntnisse dazu in seinen Tageb\u00fcchern auf. Seine Untersuchungen, die er mit seiner Ehefrau Warwara Stepanowa entwickelt, haben keinen stilistischen Selbstzweck, sondern legen ein neues fotografisches Denken dar und formulieren eine neue Bildsprache zur Darstellung des \u201esowjetischen Themas\u201c. Er balanciert k\u00fcnstlerisches, formales, technisches und inhaltliches aus, ist aber immer wieder Anfeindungen ausgesetzt, die seine Fotografien auf das Formale, stilistische <em>Wie<\/em> reduzieren und ihnen das inhaltliche <em>Was<\/em> absprechen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Alexander Rodtschenko war das <em>Neue Sehen<\/em> in der Fotografie eine seiner wichtigsten Entwicklungen in der Kunst und zusammen mit seiner Frau Warwara Stepanowa entwickelte er es zu einem System visueller Kommunikation. Neben der Revolution im Leben der Menschen suchte er auch die Revolution in der Fotografie: \u201eIch will ein paar unglaubliche Aufnahmen machen, die niemals zuvor gemacht wurden. Aufnahmen vom Leben, absolut real, Fotografien, die einfach und komplex zugleich sind, die Menschen erstaunen und \u00fcberw\u00e4ltigen\u201c.<a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a> Um seinen Traum real werden zu lassen, arbeitete er mit Verfremdungen wie es in der Literatur und dem Theater \u00fcblich geworden war, brachte sein Wissen aus der Malerei in die Fotografie ein, baute sein geometrisches System wie in seiner Malerei auf Linien auf, benutzte extreme Auf- und Untersichten oft in Kombination mit Schiefsichten, die getragen vom Prinzip perspektivisch verk\u00fcrzter Linien lebendige und tats\u00e4chlich \u00fcberw\u00e4ltigende Aufnahmen von Stra\u00dfenz\u00fcgen, Alltagsszenen, technischen Bauten, Sport- und Produktionsst\u00e4tten und vor allem vom neuen Sowjetmenschen zeigen, der in Rodtschenkos Augen mit einem kritischen Blick aber auch mit Zuversicht in die Zukunft sehen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem Bruch mit den tradierten Normen verfolgt das <em>Neue Sehen<\/em> nach Rodtschenko auch eine aufkl\u00e4rende Komponente: Das menschliche Auge sollte mit Hilfe der neuen Kleinbildkameras geschult werden, um es aufnahmef\u00e4higer f\u00fcr die neuen (An)Sichten zu machen. Hierf\u00fcr eignen sich am besten bereits bekannte Motive und Genres, die durch neue ungewohnte Perspektiven verfremdet werden. Die extremen Auf-, Untersichten und Schr\u00e4gsichten sollen den Betrachter dazu zwingen, die eigene Perspektive zu \u00fcberdenken. Die Fotografie soll Denkprozesse ausl\u00f6sen, die wiederum den gesellschaftlichen und technischen Wandel und Fortschritt in Gang bringen und in Gang halten sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rodtschenkos Traum wurde durch den sozialistischen Realismus, der 1934 zum offiziellen Stil erkl\u00e4rt wurde, diffamiert und beendet, aber Rodtschenko sah sich bereits ab 1928 scharfer Kritik ausgesetzt. Repressionen veranlassten Rodtschenko dazu, sich mit der Gestaltung von Zeitschriften und Fotoreportagen sein Geld zu verdienen. Die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens verbringt Rodtschenko in Verbitterung und Isolation. In seinem Tagebuch schreibt er kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs: \u201eIch bin absolut nutzlos, ob ich arbeite oder nicht, ob ich lebe oder nicht. Ich bin jetzt schon so gut wie tot, und ich bin der einzige, den es interessiert, dass ich lebe. Ich bin ein Unsichtbarer.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Alexander Rodtschenko und seine Frau Warwara Stepanowa wurden 1991 mit einer Retrospektive ihres Werkes in Wien und Moskau geehrt, das deutlich macht, wie wichtig ihre Zusammenarbeit war. Alexander Rodtschenko wurde 1998 durch eine Retrospektive seines Werks im MoMA New York geehrt. Die Ausstellung kam anschlie\u00dfend nach Deutschland und Schweden. M\u00f6gen viele seiner Fotografien ins kollektive Bildged\u00e4chtnis der Kunst einziehen und dort f\u00fcr immer verbleiben.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a>  Sabine Lydia Schmidt, \u0420\u043e\u0434\u0447\u0435\u043d\u043a\u043e, Von oben nach unten und von unten nach oben, Die besondere fotografische Perspektive des Alexander Michailowitsch Rodtschenko, HFG Offenbach am Main 2013, S. 41f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a>  Zitiert nach: <a href=\"https:\/\/annawiederaenders.wordpress.com\/2013\/09\/16\/alexander-rodtschenko-revolution-der-fotografie\/\">https:\/\/annawiederaenders.wordpress.com\/2013\/09\/16\/alexander-rodtschenko-revolution-der-fotografie\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch habe die Malerei zu ihrem logischen Ende gebracht und habe drei Bilder ausgestellt: ein rotes, ein blaues und ein gelbes, und dies mit der Feststellung: Alles ist zu Ende. Es sind die Grundfarben. Jede Fl\u00e4che ist eine Fl\u00e4che und es soll keine Darstellung geben. 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